Düfte begleiten die Heilkunst der Menschheit seit Jahrtausenden. In vielen Kulturen wurden aromatische Pflanzen nicht nur als Räucherwerk oder Parfüm verwendet, sondern gezielt zur Unterstützung von Körper, Psyche und Bewusstsein eingesetzt.

Besonders spannend ist dabei eine Frage, die auch für heutige Aromapraktikerinnen interessant sein kann:

Welche traditionellen Applikationsorte für Düfte können uns heute inspirieren?

In manchen historischen Medizinsystemen finden sich sehr präzise Hinweise darauf, wo Duftstoffe auf den Körper aufgetragen wurden, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Diese Erfahrungsmedizin kann auch heute noch eine wertvolle Quelle für Experimente in der Aromapraxis sein.

Attars – traditionelle Duftöle aus Südasien

Düfte haben eine sehr lange Heiltradition, deren Spuren überall auf der Erde in entfernte Vergangenheit blicken lassen. Manche Medizintraditionen sind fast ungebrochen. Mich haben sie schon immer besonders angesprochen.

In Südostasien begegnet man speziellen Herstellungsmethoden von Duftextrakten, die woanders unbekannt sind: Attars. Die Idee ist mit der Co-Destillation verwandt. Hier wird ein Fixativ, also ein schwerer Duft, als Träger für sonst viel zu empfindliche Blütendüfte eingesetzt.

Traditionell übernimmt diese Rolle Sandelholz, das selbst einen deutlichen Duft hat, aber den epmfindlichen Blüten wie Rose und Veilchen dennoch ihren Raum lässt. Es steuert auch energetisch eine deutliche Komponente bei und ist mit seinen Eigenschaften in der Therapie nicht zu unterschätzen. In vielen traditionellen Medizinsystemen gilt es als beruhigend, ausgleichend und geistig klärend.

Die traditionelle Herstellung ist aufwendig und folgt oft jahrhundertealten handwerklichen Verfahren, die auch den Einsatz ledernden Gerätschaften vorsehen. Aus ethischer Perspektive ist das für mich als Veganerin nicht akzeptabel und auch der Schutz von Sandelholz selbst ist ein wichtiges Thema in der Nachhaltigkeit. Daher besitze ich keine Attars.

Für die Aromapraxis stellt sich jedoch eine spannende Frage:

Was können wir aus den traditionellen Anwendungen dieser Duftöle lernen – unabhängig von ihrer Herstellung?

Denn ätherische Öle stehen uns heute in großer Vielfalt zur Verfügung.

Pyramidenförmige Glasgefäße im Regal mit verschiedenfarbigen, golden und braunen flüssigen Attars darin.
Der berühmteste Attar ist Attar of Roses: Hellbraune verzierte Flasche vor einem Hintergrund voller Rosenblüten.

Duftmedizin im Unani Tibb

Eine der am besten dokumentierten medizinischen Dufttraditionen findet sich im Unani Tibb.

Unani ist ein traditionelles Medizinsystem, das ursprünglich aus der antiken griechischen Medizin hervorging. Der Name Unani geht auf das Wort »Ionisch« zurück und bezieht sich auf die ionischen Griechen, die zu den ersten Griechen gehörten, die mit Indien in Kontakt kamen. Der Begriff bedeutet daher sinngemäß »griechische Medizin«.

Die Lehren von Aristoteles, Hippokrates und Galen wurden im arabisch-persischen Raum weiterentwickelt und gelangten später nach Südasien, wo Unani bis heute praktiziert wird.

Im Zentrum steht ein Gleichgewichtsmodell von Körperqualitäten und Körpersäften. Gesundheit entsteht, wenn diese Kräfte in Balance sind.

So einige Ansätze der Aromatherapie und Osmologie basieren darauf. Schließlich sind dies auch unsere kulturellen Ursprünge.

Aromatische Pflanzen spielen in diesem System eine wichtige Rolle, weil sie sowohl über den Geruchssinn als auch über Hautkontakt wirken können.

Düfte wurden traditionell eingesetzt zur:

  • emotionalen Regulation

  • Unterstützung der Verdauung

  • Beruhigung des Geistes

  • Stärkung des Herzens

  • Förderung der Konzentration

Attars gehören dabei zu den klassischen Duftmitteln dieser Tradition.

Traditionelle Applikationsorte für Duftöle

Besonders interessant für die Aromapraxis sind die konkreten Körperstellen, an denen Duftstoffe traditionell aufgetragen wurden.

Viele dieser Orte erinnern an energetische Punkte, Reflexzonen oder sensible Nervengebiete.

Obere Mitte des Nackens: bei schweren Augenlidern, juckenden Augen oder Mundgeruch. Dieser Bereich liegt nahe wichtiger Nervenbahnen, die Kopf und Gesicht versorgen. Duftstoffe können hier möglicherweise rasch auf das Nervensystem wirken.

Sanftes Einreiben zwischen die Schulterblätter: bei Schmerzen in den Oberarmen oder im Hals oder zur allgemeinen Entspannung des Solarplexus. Der Solarplexus ist in vielen Medizinsystemen mit emotionaler Regulation verbunden.

Ein weiterer Punkt liegt etwas tiefer am hinteren Nacken. Er hilft bei jeder Art von Zittern des Kopfes oder bei einer Reihe von Erkrankungen des Kopfes, des Gesichts, der Zähne oder der Ohren. Der Nacken ist in vielen traditionellen Heilweisen ein wichtiger Übergangsbereich zwischen Körper und Kopf und ist bei vielen psychosomatischen Symptomen interessant. Man denke an die »Angst im Nacken«.

Der Duftauftrag unter dem Kinn wurde eingesetzt bei Erkrankungen der Zähne, des Rachens und des Kiefers oder zur allgemeinen Reinigung des Kopfes. Dieser Bereich liegt in der Nähe wichtiger Lymphbahnen des Kopf-Hals-Bereichs. Die »Reinigung des Kopfes« mag ein bisschen einfach und banal klingen, doch die Lymphaktivierung unter dem Kinn dient der Entgiftung des Liquors, in den im 7 1/2 stündigen Schlaf (so lange braucht dies) das Nervengewebe des Gehirns Abfallprodukte gibt. Es ist also eine tolle Präventionstechnik für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer-Dezember.

Das Auftragen von aromatischen Ölen auf die Beine wurde traditionelle genutzt zur »Reinigung des Blutes« und Förderung des Menstruationsflusses. Hier zeigt sich ein interessantes Prinzip vieler traditioneller Heilweisen: Düfte wurden nicht nur lokal eingesetzt, sondern eben als systemische Reize verstanden.

Ein weiterer traditioneller Punkt liegt oberhalb des Fußknöchels. Überliefert angewendet bei unterdrückter Menstruation, Ischias und Gicht.

Auf die Innenseiten der Oberschenkel: zur Behandlung von Hodenentzündungen oder Beingeschwüren.

Ein Duftauftrag an der Außenseite der Oberschenkel wurde eingesetzt bei zur Behandlung von Hüftgelenksbeschwerden und Ischias.

Anwendung bei emotionalen & mentalen Beschwerden

Also Psycho-Aromatherapeutin bin ich umso hellhöriger, wenn Herangehensweisen und Behandlungen von Dysbalancen und Störungen der psychischen Ebene beschrieben werden. Und diese ist wirklich interessant im Unani Tibb:

Für Depressionen und überhaupt alle Absichten, das psychische Gleichgewicht wieder herzustellen, werden ein bis zwei Tropfen eines Attars auf eine etwa erbsenkleine Wattekugel gegeben. Diese wird hinter den Kamm (Helicis crus) des rechten, nicht des linken, Ohres gelegt. Also nicht in den Gehörgang und wirklich nur rechts.

Hier werden die ätherischen Öle durch die Haut aufgenommen und erfahrungsgemäß mit unmittelbarem Effekt auf den Geist und die Gefühlswelt reagiert.

Eine weitere traditionelle Anwendung bedarf eines speziellen und beliebten Attars: Bernsteinattar. Dies wird aus Bernstein von fossilen Pinus succinefera Koniferen gewonnen. Hier wird ein wenig Attar auf den Zeigefinger der rechten Hand gegeben. Dieser reibt nun etwas davon zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand, bevor es auf das 3. Auge aufgetragen wird. Der Effekt: unmittelbarer Fokus, gesteigerte Wahrnehmung und mentale Wachheit.

Dunkles Attar in dekorativer Ölflasche liegt auf einem Stück Baumrinde.
Hellgelber Attar in mit Gold verzierter Glasflasche vor natürlichem hellen Hintergrund und Gras.

Welcher Duft ist der richtige?

Während die Applikationsorte relativ klar beschrieben sind, ist die Wahl des Duftes traditionell individuell.

Wie auch im Ayurveda oder in der chinesischen Medizin wird zunächst die Konstitution des Menschen betrachtet.

Der Duft soll helfen, eine aus dem Gleichgewicht geratene Qualität wieder zu harmonisieren.

Es gibt also nicht das eine Öl gegen Migräne oder Depression, das bei allen Menschen gleich wirkt.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen traditioneller Duftmedizin:

Der Duft wirkt immer in Beziehung zur individuellen Konstitution.

    Inspiration für die heutige Aromapraxis

    Viele dieser Duftanwendungen sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten.

    Für Aromapraktikerinnen können sie jedoch eine spannende Einladung sein, mit neuen – oder vielleicht sehr alten – Wegen der Duftapplikation zu experimentieren.

    Denn nicht nur der Duft selbst ist entscheidend.
    Oft verändert bereits der Ort des Auftrags die Qualität seiner Wirkung.

    Vielleicht lohnt es sich also, neben klassischen Anwendungen wie Handgelenk oder Solarplexus auch einmal andere traditionelle Punkte zu erkunden.

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